Königsteiner Forum

2013 - Auf der Suche nach Orientierung

Sind wir dabei die Orientierung zu verlieren? Zweifellos erleben wir eine starke Schwächung traditioneller Prägungen, die für unsere Werterhaltungen und unsere Vorstellungen vom „richtigen Leben“ verantwortlich waren. Ergebnisse der empirischen Sozialforschung sprechen dafür, dass es vor allem eine abnehmende Bindung an familien-, gemeinschafts- und arbeitsorientierten Werte gibt, und dass der Bezug auf persönliche Selbstentfaltung und Handlungsfreiheit stärker wird...

Das Gefühl des Orientierungsverlustes ist jedenfalls in der Gesellschaft weit verbreitet. Wichtige tradierte Instanzen von Orientierung haben an Boden verloren. Einige Aspekte seien angesprochen.
Kirchliche Bindungen wie Glaubensüberzeugungen scheinen kontinuierlich schwächer zu werden. Alternative Sinnsuche und die Akzeptanz neuer religiöser Angebote gewinnt offenbar an Bedeutung. Gleichzeitig hat die Zuwanderung zu einem zählbaren Bevölkerungsanteil von Menschen islamischen Glaubens geführt. Faktisch sind wir zu einer multireligiösen Gesellschaft mit weiten religionsfernen Bereichen geworden.

Auch die Familie als prägende Instanz – gerade der frühen Kindheit – verliert deutlich an Boden. Damit wird auch die Vermittlung tradierter Werthaltungen und Orientierungen an die nächste Generation schwächer. Mehr Kinder wachsen in „unvollständigen“ Familien auf, erleben Trennungen und Brüche. Der Einfluss der oft verunsicherten Eltern auf die Entwicklung ihrer Kinder wird zunehmend überlagert von der annähernden Omnipräsenz von Medien, elektronischer Informationswelt und Kommunikation. Während die familiäre Intimität abnimmt, wirken mediale Leitbilder und Leitfiguren mit an der Prägung der Vorstellungen vom „richtigen Leben“ und von Lebensglück. Die stark kommerziell orientierte Medienwelt informiert jedoch und desinformiert gleichzeitig. Sie leistet offenbar auch der Herausbildung einer teilweise autonomen Jugendkultur mit besonderen Erscheinungsformen von Musik, Mode, Sprache und Überzeugungen Vorschub.

So wie sich die Einflüsse von Familie und medialer Welt auf die persönliche Orientierung verschieben, so relativiert der mediale Einfluss auch die Prägung von Menschen durch das unmittelbare identitätsstiftende Umfeld, durch Nachbarschaft, das Stadtviertel, durch Kommune und Region. Lokale Gemeinschaft konkurriert mit globaler Vernetzung; persönliche Unmittelbarkeit mit Virtualität.

Gleichzeitig verschiebt sich der größere politische Rahmen innerhalb dessen wir uns orientieren. Der Prozess der europäischen Einigung verlagert schrittweise nationalstaatliche Kompetenzen auf die europäische Ebene. Während nach dem Zusammenbruch 1945 die Deutschen begannen, sich stark mit der europäischen Idee zu identifizieren, macht sich mit der schnellen Erweiterung und der anhaltenden Krise Ernüchterung und Verunsicherung breit. Nationalstaat und Nationalidee erscheinen vielen Bürgern wieder als sicherer Hafen.

Traditionell prägen die Berufsentscheidung und das berufliche Tätigsein in hohem Maße die Persönlichkeit, die wirtschaftliche Stellung, aber auch einen wesentlichen Teil der sozialen Beziehungen (z. B. im Unternehmen). Die beschleunigten wirtschaftlichen und technologischen Trends verändern hier das Bild zunehmend. Berufliche Qualifikationen werden schneller obsolet, Weiterbildung und Neuqualifikation notwendiger, die physischen Tätigkeiten gehen zurück. Infolge der technologischen Möglichkeiten verliert auch der Arbeitsort an Bedeutung, ebenso die unmittelbare Zusammenarbeit mit anderen Mitarbeitern. Arbeit und Beruf sind mehr als bloße Existenzsicherung. Die Veränderungen erzwingen neue Orientierung von uns persönlich, von unserem Bildungsverständnis, aber auch den Formen des Zusammenlebens.

Die Vortragsreihe 2013 will die sich verändernde Prägung durch wichtige gesellschaftliche Instanzen untersuchen, neue Entwicklungen in den Blick nehmen und danach fragen, was uns künftig Orientierung geben wird.

Vortragstitel und Referenten 2013:

1. Geht dem Land der Dichter und Denker die Orientierung in der Erziehung verloren)
Inge Kloeper, Autorin und Journalistin, Berlin

2. Orientierung durch Arbeit? Historische und globale Perspektiven
Prof. Dr. Andreas Eckert, Internationales Geisteswissenschaftliches Kolleg des Bundesministeriums (BMBF an der Humboldt-Universität, Berlin

3. Facetten der modernen Jugendkultur (Sprache, Musik, Mode, Überzeugungen)
Klaus Farin, Archiv der Jugendkulturen e. V., Berlin

4. Orientierung und Desorientierung durch Medien
Werner D’Inka, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt am Main

5. Gebaute Stadträume – Orte der Identität
Prof. Dipl-Ing. Christoph Mäckler, Technische Universität Dortmund, Deutsches Institut für Stadtbaukunst

6. Führung und Verführung. Zur Orientierung an Leitfiguren
Prof. Dr. Marcus Maurer, Jena

7. Die Kirche in einer Welt der Beliebigkeit
Bischof Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst, Limburg
(gemeinsam mit Klaus Töpfer/Vorsitzender der Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung, Berlin)

8. Demokratie zwischen Wert und Bewertung – Fühlen sich die Bürger durch die politischen Institutionen noch repräsentiert?

Dr. Angelika Scheuer, GESIS, Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Mannheim

9. Mehr Markt macht weder gesund noch gescheit – Kommerz in den Schranken der Gesellschaft
Professor Dr. Friedhelm Hengsbach, Ludwigshafen

10. Europäische Perspektive – Werte, Politik und Wirtschaft
Dr. Hans-Gert Pöttering MdEP, Präsident des Europäischen Parlaments a. D., Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung