Königsteiner Forum

2014 - Die Suche nach der richtigen Ordnung

2014 schließen wir einen gedanklichen Zyklus ab, den wir bereits im Jahr 2012 begonnen haben. Damals haben wir unter dem Titel „Wie werden morgen leben?“ einen Blick in die Zukunft gerichtet und haben die vielfältigen Veränderungen der Rahmenbedingungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Natur untersucht.

Im nun auslaufenden Jahr 2013 haben wir den Blick stärker nach „innen“ gerichtet und die Veränderung unserer prägenden Instanzen (Familie, Schule, Kirchen, Medien etc.) und den Wertewandel betrachtet. In einem dritten Schritt fragen wir nun 2014 nach Folgerungen für die künftige Gestaltung unseres Gemeinwesens, im weitesten Sinne nach politischem Handeln.

In den ersten beiden Abenden der Forumsreihe 2014 stehen die Zukunft unseres politischen Systems und die Gestaltung unserer verfassungsmäßigen Ordnung im Vordergrund. Unbefriedigenden Beteiligungsständen bei Wahlen und schwächelnden Engagements bei Parteien stehen zum Tteil heftige Bürgerbewegungen anlässlich einzelner politischer Entscheidungen („Wutbürger“) gegenüber. Auch die Bildung neuer politischer Formationen (u. a. Piraten, AFD) spricht eher gegen die These von einer allgemeinen „Politikverdrossenheit“. Das Nachdenken über unser politisches System hat Karl-Rudolf Korte (Duisburg-Essen) übernommen, vielen als Kommentator im Fernsehen vertraut. Die Verfassungsordnung betrachtet der Verfassungsrechtler Günter Frankenberg (Frankfurt/Main).

Eine deutliche Verschiebung der Einstellung vieler Bürger betrifft den Prozess der europäischen Einigung. Diese war für viele Deutsche nach der Katastrophe des Weltkriegs ein zentraler politischer Orientierungspunkt. Im Zuge u. a. von Krisenstakkato, schnellen Erweiterungen der EU und absehbaren finanziellen Belastungen hat diese deutlich an Charme verloren. Über die künftige Ordnung Europas und ihr Verhältnis zu den Handlungsspielräumen der Nationalstaaten soll mit einem der erfahrensten politischen Akteure, dem langjährigen Vizepräsidenten der EU-Kommission Günter Verheugen (Frankfurt/Oder) nachgedacht werden.

Die künftige Ausgestaltung unseres Bildungssystems bestimmt weithin unserer Zukunftschancen. Gerade eine stark alternde Gesellschaft braucht „Investitionen in die Köpfe“. Auch die Integrationskraft Deutschlands angesichts der Zuwanderung macht ein starkes Bildungssystem zu einer Schicksalsfrage, die wir mit – einem der renommiertesten Bildungsexperten – Jürgen Baumert (Berlin) diskutieren wollen.

Das Funktionieren unseres Gemeinwesens ist nicht mehr ohne den Einfluss der Kommunikationstechnologien und unserer damit verbundenen Verhaltensänderungen zu verstehen. Private wie politische Beziehungen, Informationsvorgänge und Aktionen beschleunigen sich offenbar, scheinen nicht zuletzt sprunghafter zu werden. Nach der Verlässlichkeit politischer Prozesse in Zeiten der Netzdemokratie fragt Thomas Darnstädt von der Redaktion des „Spiegel“ (Hamburg).

Die wirtschaftliche Globalisierung, vor allem die weltweite Vernetzung der Finanzmärkte scheinen der nationalen wie europäischen Wirtschaftspolitik jeden Einfluss nehmen. Der Finanzmarktexperte Reinhard H. Schmidt vom House of Finance sieht diese Probleme politischen Handelns, warnt hier jedoch vor Resignation. Er wird die Chancen der Wirtschaftspolitik analysieren, auch globale Prozesse zu gestalten.

Eine Schlüsselfrage für das Einverständnis der Bürger mit ihrem Gemeinwesen ist die Frage, in welchem Verhältnis Lebenschancen, Beteiligungsrechte, aber auch Einkommens- und Vermögensverteilung zur Idee der Gerechtigkeit stehen. Dabei rivalisieren durchaus unterschiedliche Gerechtigkeitsvorstellungen miteinander. Mit dem Leibnizpreisträger Rainer Forst (Frankfurt/Main) werden wir wesentliche Aspekte einer gerechten Ordnung erörtern. Das angemessene Verhältnis von Freiheit und Ordnung bestimmt eine kontinuierliche Grundspannung in jedem Gemeinwesen.

Mit einiger Vorsicht kann man sagen, dass lange Zeit Deregulierung (und Privatisierung) eine Art politische Heilsbotschaft ebenso der deutschen wie der europäischen Politik darstellte. Die krisenhaften Pendelschläge der letzten Jahre, aber auch veränderte Gefährdungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts haben zu wachsenden Vorbehalten (mindestens) gegen einen uneingeschränkten Kurs des weiteren Abbaus von Regulierungen geführt. Der renommierte britische Politikwissenschaftler Colin Crouch (Warwick) wird notwendige Grenzen der Deregulierung identifizieren und Varianten der Deregulierungsstrategie erörtern.

Die beiden letzten Abende sind den künftigen Strategien von Wirtschaft und Industrie gewidmet. Strategien für eine nachhaltige Industriegesellschaft wird der Vorsitzende des Rates für Umweltfragen (SRU) Martin Faulstich (Clausthal-Zellerfeld) untersuchen. Die Wachstumsorientierung moderner Industriegesellschaften stellt komplexe Abstimmungsfragen gerade auch in Bezug auf die Nutzung natürlicher Ressourcen. Ein gewichtiges Sonderthema für Wirtschaft und Daseinsvorsorge stellt eine langfristig nachhaltige Energieversorgung in unserer energiehungrigen Gesellschaft dar.

Wesentliche Ordnungsfragen stellen sich nicht nur auf der Makro-Ebene. Die Qualität unseres Gemeinwesens wird wesentlich vom Handeln der Unternehmen bestimmt. Sie produzieren, erbringen Dienstleistungen, sind Motor von Beschäftigung, hier erbringen wir unsere Wirtschaftsleistung und erzielen Einkommen. Die Unternehmensführung soll von Christine Hohmann-Dennhardt, Vorstandsmitglied der Daimler AG (Stuttgart) und früherer Richterin am Bundesverfassungsgericht auf zentrale ethische Aspekte hin erörtert werden.